4 wichtige Gründe, warum sich kein Introvertierter dafür schämen sollte, introvertiert zu sein

4 wichtige Gründe, warum sich kein Introvertierter dafür schämen sollte, introvertiert zu sein

 

Vielleicht regen Sie sich gerade über den Titel auf. Doch die Tatsache, dass Sie den Artikel jetzt hier lesen zeigt, dass an dem Thema was dran ist.

Scham. Keiner spricht gern über Themen, die schambehaftet sind. Vor allem, wenn es darum geht, dass man sich dafür schämt, dass man so ist wie man ist.

Wenn Sie lieber hören, als lesen, ich habe diesen Artikel als Audio für Sie vorbereitet:

[powerpress]

 

Sie denken, das der Zusammenhang zwischen der Introversion und der Scham an den Haaren herbei gezogen ist? Sie werden sich wundern!

Mal ein kleines Beispiel.

Ich arbeite gerade an meinem ersten Online-Coaching-Programm. In meinem Erfolgsteam besprechen wir unsere Fortschritte.

Zwei der Mitglieder sagen von sich selbst, dass sie (irgendwie) introvertiert sind. Dennoch zweifelten wir alle, ob die Menschen sich von meinem Programm angesprochen fühlen werden, wenn ich direkt Introvertierte anspreche. Zitat: „Keiner gibt gern zu, dass er introvertiert ist.“

Ich habe mich Jahre lang genau von solchen Aussagen beeindrucken lassen und habe deswegen nicht explizit meine Positionierung auf Introvertierte abgestimmt.

Jetzt, da ich auf meine Bedenken pfeife und es trotzdem mache, fühlt es sich sehr richtig an. Weil das ehrlicher ist. Denn ich muss nicht mehr herumeiern, so dass sich alle möglichen Menschen von meinem Angebot und meinen Artikeln angesprochen fühlen. So wie ich es früher versucht habe irgendwie. Das ist eine echte Erleichterung!

Zumal, nach dem ich in verschiedenen Facebookgruppen Kontakt zu Menschen aufgenommen habe, die sich für Introvertiert halten, oder nur ahnen, dass sie introvertierte Züge haben, bin ich mir ganz sicher, dass das Angebot genau richtig zu diesem Zeitpunkt kommt. Zwar ist es sehr schade, dass wir bis zum heutigen Tage eine wenig beachtete Zielgruppe sind. Und dass viele Menschen so wenig aufgeklärt sind.

Aber die Kollegen berichten mir, dass in Amerika es ein wichtiges Thema ist. Und da alles nach 2-3 Jahren auch hier rüber schwappt, wird es auch mit den Angeboten für Introvertierte nicht anders sein. Nur warte ich nicht darauf, sondern habe mich jetzt schon auf den Weg gemacht.

Die entscheidende Frage ist, warum schämt man sich deswegen?

Dazu fällt mir sofort ein, wie ich eine klassische Präge-Geschichte vor einigen Jahren im Bekanntenkreis erlebt habe.

Ein kleiner Junge ist ein ruhiges Kind. Irgendwie unauffällig und wenig „wartungsintensiv“, weil er sich selbst gut beschäftigen kann. Er spielt gern alleine und ist überhaupt wenig anspruchsvoll.

Jedes mal, wenn seine Mutter ihn vom Kindergarten abholt, sieht sie, dass ihr kleiner Sohn allein im Raum sitzt und mit Autos spielt. Während alle anderen Kinder im Garten herumtoben.

Die Mutter ist verzweifelt und denkt, es stimme mit dem Jungen was nicht. Außerdem ist sie stinksauer auf die Erzieherinnen, warum sie sich zu wenig um ihr Kind kümmern, so dass er „gezwungen“ ist, allein zu spielen. Das ist das Bild der Mutter dazu. Das will sie nicht auf sich sitzen lassen, schließlich soll das Kind gefördert werden und die gleichen Chancen im Leben bekommen, wie alle anderen Kinder.

Nach ihrer Beschwerde bei der Kindergartenleitung geht es los: Die Erzieher sehen sich gezwungen, das Kind ständig zu animieren rauszugehen und mit anderen Kindern zu toben. Sie lassen das Kind gar nicht mehr in Ruhe. Keine Erzieherin will sich schließlich nachsagen lassen, sie kümmere sich nicht genug um das Kind. Sie sind überhaupt alles andere als begeistert über das Kind, das nun ewig eine „Extrawurst“ braucht. Das lassen sie natürlich nicht nur die Mutter spüren, sondern senden ständig Botschaften an das Kind nach dem Motto: „Du sitzt ja schon wieder hier allein. Kannst du nicht normal sein, wie alle anderen?! Jetzt gehe raus. Sonst heißt es wieder, wir kümmern uns nicht um dich.“

So ist auf ein Schlag aus einem ruhigen, anspruchslosen Kind plötzlich ein „Problemfall“ geworden. Es wird nicht nur einfach über seine Bedürfnisse hinweggegangen, und dass andere immer besser wissen, was für ihn das Richtige ist. Sondern auch sein Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein werden als etwas Ungutes, Unnormales dargestellt.

Jetzt frage ich Sie: Wie soll aus diesem Kind ein selbstbewusster Erwachsener werden, der seine Introversion als einen wichtigen Persönlichkeitsmerkmal und Reichtum begreift???

Wie können uns sicher ausmalen, wie es in der Schule weiter geht …

Ein vergleichbares Beispiel habe ich gerade letzte Woche in einer der Facebook-Gruppen mitverfolgt, wo ein 12-jähriger Junge von den Lehrern zum Problemfall gemacht wird, weil er sich nicht so oft meldet und sehr ruhig ist. Jetzt war die Mutter so verunsichert, dass sie mit ihm zum Psychologen mit dem Jungen, weil die Lehrer sagen, dass das nicht normal ist.

Das das Kind sich auf Grund solcher Erlebnisse immer weiter zurückzieht, ist irgendwie logisch und kann ein Rattenschwanz ohne Ende nach sich ziehen.

In meiner Facebook-Gruppe „Introvertiert sichtbar“ schrieb mir gerade eine erwachsene Person Folgendes: Anfänglich würde ich mal behaupten war ich nicht soooo Schüchtern. Aber immer wieder „nicht gehört“ zu werden und sich teilweise im falschen Film zu fühlen, brachte mich irgendwann zur „Schüchternheit“ mit Selbstzweifeln usw. Ich denke irgenwann baute ich eine Art Soziale Phobie auf. Daher denke ich, dass so lange man nichts von einer eigenen Introvertiertheit weiss und dessen Stärken, dies ein Teufelskreis werden kann.

Ehrlich, ich drehe durch, wenn ich das alles höre und lese!

Denn es werden oft (ich sage ganz bewusst nicht: immer) in unserer auf Extraversion fixierten Gesellschaft Menschen, die einfach nur Bedürfnis nach viel Ruhe und Zeit für sich haben, statt eine um sich Welle zu machen; die lieber in ihre Gedankenwelt versinken, als ständig auf Sendung zu sein, stigmatisiert und in die pathologische Ecke gestellt. Wie ignorant ist das, bitte?!

Wir sind keine Opfer!

Das alles habe ich geschrieben, nicht um uns, Introvertierte, zu bemitleiden. Sondern um zu erklären, wie es dazu kommen kann, dass Introversion oftmals als ein Problem wahrgenommen wird. Das Blöde ist ja, dass viele Introvertierten sich selbst davon distanzieren. Weil der Begriff oft einfach völlig unreflektiert und klischeebehaftet verwendet wird.

Etwa: Introvertiert = schüchtern, zurückhaltend, blablabla. Doch so muss es nicht zwangsläufig sein. Die extreme Zurückhaltung resultiert daraus, wie die Umwelt auf einen reagiert und dass man so wie man ist nicht akzeptiert wird. Und ist nichts Angeborenes, wie das bei der Introversion der Fall ist.

Darüber habe ich hier ausführlich geschrieben: Sind Sie zufällig auch Introvertiert? Eine Klärungshilfe

Nun bin ich hier angetreten, um aufzuklären und nicht um Klagelieder zu singen. Und ich freue mich, wenn Sie mir folgen. Denn wir sind keine Opfer und lassen uns nicht zu Opfern machen! 

(Hach, ich merke wieder, wie pathetisch ich werde. Nützt nichts, so ist es halt bei Herzensthemen. 🙂 )

4 wichtige Gründe, warum sich keiner für seine Introversion zu schämen braucht

Und da fange ich ganz pragmatisch an:

Grund Nr. 1: Introversion ist ein genauso wesentliches Persönlichkeitsmerkmal wie Extraversion

Introversion und Extraversion sind zwei Polen eines der wichtigsten und prägendsten Persönlichkeitsmerkmale, die ein Mensch haben kann. Das sind zwei verschiedene Temperamente, zwei verschieden Arten, Informationen zu verarbeiten, zwei verschiedene Arten, mit der Umwelt umzugehen.

Das können Sie sich als zwei gegensätzliche Pole vorstellen, wie süß und salzig, wie warm und kalt, wie hell und dunkel. Beides ist wichtig und unverzichtbar. Und stellt ein Ausgleich dar. Sonst gäbe es nur Extravertierte auf dieser Welt, wenn die Natur es nicht so vorgesehen hätte.

Machen Sie sich ganz einfach klar: Es haben keine Dinosaurier und keine Mammuts überlebt. Aber wir, introvertierte Menschen, existieren und bereichern die Menschheit weiterhin, auch wenn unsere Umgebung manchmal auch etwas feindlich daher kommt.  😉

Das heißt, Introversion kann man nicht wegdiskutieren und die Introvertierten sind damit ein wesentlicher Bestandteil dieser Welt.

Grund Nr. 2: Sie können nicht davon weg laufen

Auch wenn es Ihnen vielleicht noch nicht passt, dass Sie introvertiert sind, oder dass Sie Züge an sich haben, die Sie darauf zurückführen und die Ihnen nicht gefallen. Wenn Sie vielleicht lieber etwas Anderes hätten.

Sie können Ihre Introversion nicht einfach los werden. Sie ist da und bleibt Ihnen erhalten. Sie können sich ja auch nicht einfach mal ein Bein oder einen Arm abnehmen lassen, nur weil diese nicht Ihrem Schönheitsideal entsprechen.

Wenn Sie also ein zufriedener Mensch werden wollen, dann führt kein Weg dran vorbei, Ihre Introversion anzunehmen und anzuerkennen, statt sie loswerden zu wollen. Weil das funktioniert natürlich überhaupt nicht.

Also denken Sie da erstmal ganz pragmatisch, nach dem Motto: „Ok, das kann ich nicht los werden. Das gehört zu mir. Also schaue ich mal, wie damit Frieden schließe.“

Grund Nr. 3: Introversion ist Introversion und ist nicht mit Schüchternheit oder sozialer Phobie zu verwechseln

Wie schon geschrieben, wenn die Umwelt auf Grund der besonderen Bedürfnisse, die ein Introvertierter hat, auf eine bestimmte Art reagiert, dann kann es natürlich sein, dass daraus Schüchternheit oder soziale Phobie entwickelt.

Aber verwechseln Sie es bitte trotzdem nicht mit Introversion. Es ist ja nicht zwangsläufig so. Sondern es kann eine Folge davon sein, wenn die Umwelt mit Unverständnis reagiert. Aber es kann genauso auch einem Extrovertierten passieren.

Daher verwechseln Sie diese Dinge bitte nicht und schmeißen die diese völlig unterschiedlichen Dinge in einen Topf. Da gehören sie nicht hin.

Introversion ist angeboren und neurologisch bedingt. Das Gehirn ist anders aufgebaut, die Nervenbahnen sind anders aufgebaut.

Das andere entsteht aus dem Feedback der Umwelt, in der man aufwächst und sich entwickelt. Also sind es komplett unterschiedliche Dinge!

Grund Nr. 4: Introversion ist ein Schatz – heben Sie ihn!

Wenn Sie bis jetzt immer noch denken: „Alles schön und gut, aber warum ausgerechnet ich?! Was soll ich damit?“.  Oder wie ich schon bei Facebook gelesen habe: „Meine Art hat mir bisher nur Nachteile gebracht.“ Das zerreißt mir das Herz, ehrlich gesagt.

Denn natürlich ist es manchmal nicht leicht mit dem klar zu kommen, was in unserer Welt nicht als Maß der Dinge gilt. Als Maß der Dinge gilt ja:

  • Immer offen.
  • Immer auf der Pirsch.
  • Mehr reden, als man zu sagen hat.

Und wenn man da immer gefühlt hinterher hinkt, hat man schnell das Gefühl, dass das nicht passt.

Das kann ja alles sein. Aber versuchen Sie Ihren Blickwinken dahingehend zu verändern, dass Sie sagen können: „Ja, das habe ich nicht (oder nicht immer), aber was habe ich alles stattdessen.“

Und da kann man nicht davor ausgehen, dass alle Introvertierten gleich sind. Oder dass Ihre Art der Introversion mit meiner vollkommen vergleichbar ist.

Wie gesagt: Ein Teil ist angeboren. Und daraus entstehen ähnliche Bedürfnisse nach Rückzug und nicht so viel Informationen auf einmal und Ähnliches. Aber wir sind in komplett unterschiedlichen „Welten“ aufgewachsen, so dass Sie natürlich ganz anders sind als ich. Und Ihre Introversion kann dabei mehr oder weniger ausgeprägt sein als meine.

Und da zuschauen, wie sind Sie so, Sie ganz persönlich. Und was bringt Ihnen eben genau diese Introvertiertheit mit.

  • Dafür sind Sie vielleicht gewissenhafter.
  • Dafür denken Sie vielleicht mehr nach, bevor Sie etwas sagen. Anstatt alles „rauszublasen“.
  • Dafür sind Sie vielleicht vorsichtiger und schauen lieber zwei mal hin. Statt irgendwohin ohne Gehirn zu rennen, um dann festzustellen: „Ups, war nichts.“

Das sind doch tolle Vorteile, die wir als Introvertierte in diese Welt mitbringen. Und das ist ein Schatz, dass es zu bergen und zu hegen und zu pflegen gilt.

Deswegen gibt überhaupt keine Veranlassung, sich dafür zu schämen, zu genieren. Denn das birgt unglaubliches Potenzial. Es mag sein, dass Sie es noch nicht sehen. Aber es ist trotzdem da.
Daher lade ich Sie ein, mit mir zusammen auf die Entdeckungsreise zu gehen, um den Schatz zu heben. Denn das hilft Ihnen im Leben viel, viel mehr, als wenn Sie ständig an sich herummäkeln und sich aus unzureichend erleben. Das ist ein vollkommen anderes Lebenskonzept.

Und jetzt sind Sie dran:

Ich freue mich sehr darauf, zu erfahren, ob und welche Erkenntnisse Sie für sich aus diesem Artikel gezogen haben. Welche Schwierigkeiten haben Sie erlebt? Fallen Ihnen weitere Gründe ein, Ihre Introversion als ein Schatz zu sehen?

Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit mir, ich freue mich sehr darauf! 

 

Bildquelle: Unsplash – Pixabay.com

6 Kommentare

  • Lieber Wolfgang,

    vielen Dank dafür, dass du deine Geschichte mit mir teilst. Diese deine Erfahrungen sind ganz bestimmt für viele meiner Leser vom großen Wert.

    Und mir zeigt das, dass das was ich mache seinen Sinn erfüllt: Das Menschen, die wie ich selbst im Spannungsfeld zwischen der Introversion einerseits und dem Drang, das eigene Herzensthema in die Welt zu bringen und damit sichtbar zu werden andererseits, hier zusammenkommen und sich gegenseitig inspirieren, weiter zu machen. Ich fühle mich deswegen reich beschenkt von dir.

    Ich freue mich, dass du an meiner Seite bist!

    Herzliche Grüße
    Natalie
  • Liebe Natalie,

    meine Lebensgeschichte ist die Lebensgeschichte eines Introvertierten. Noch heute benötige ich viele Stunden abseits von Lärm, Small-Talk und extrovertierter Selbstdarstellung, um dann mit viel innerer Kraft nach außen zu gehen und Seiten zu zeigen, die ich früher kaum für möglich gehalten hätte und auch heute noch manche Menschen für kaum möglich halten, die mich nur oberflächlich kennen. Ich benötige diese Phasen fernab des Geschehens an der Front und das ist einer der Gründe, weshalb ich mein Leben als Solounternehmer so liebe: auf längere Phasen des introvertierten Lebens und Arbeitens kann ich kürzere Phasen der kraftvollen und leidenschaftlichen Präsens im Draußen folgen lassen. So bin ich. Und ich schätze diese gegensätzlichen, aber zusammengehörenden Seiten an mir sehr. Früher, vor allem in der Kindheit ging viel Schmerz damit einher. So pudelwohl, wie ich mich heute vor Publikum fühle, kommt sicher keiner meiner Seminarteilnehmer auf die Idee, einen Introvertierten vor sich zu haben... Liebe Natalie, Deine Aktivitäten und Gedanken bringen mir das alles wieder ganz nah und ich staune, wie alles gekommen ist. Großes Danke dafür!
    Liebe Grüße,
    Wolfgang
  • Solange ich keinen großartigen Smalltalk halten muss.... ;-)
  • Hahahaha, ganz genau, Silke. Small Talk muss nicht sein ;-)

    Herzliche Grüße
    Natalie
  • Liebe Silke,

    vielen Dank für deinen Kommentar! Wie wunderbar, dass du als Introvertierte voran gehst und auch nicht vor Großgruppen scheust :-)

    Herzliche Grüße
    Natalie
  • Gut gebrüllt Löwin Natalie!

    Sagt, eine, die zu ca. 3/4 introviert Erwachsene fortbildet und gerne auch große Gruppen moderiert ;-)

    Frohe Pfingsten!
    Silke

Was denkst du?

Hallo, ich bin Natalie :-)

Businessmentorin für introvertierte Unternehmer, Online-Unternehmerin und Buchautorin.

Seit 2009 habe ich Hunderte Selbständige beim Businessaufbau unterstützt. Seit 2015 arbeite ich online und ortsunabhängig und pendele zwischen Nord-Deutschland und Lanzarote.

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© 2009-2018 Natalie Schnack