Netzwerken Introvertierte anders? Karriere.at hat mich interviewt

Netzwerken Introvertierte anders? Karriere.at hat mich interviewt

Vor einiger Zeit stellte mir Karriere.at spannende Fragen zum beliebten Thema „Netzwerken für Introvertierte“. Meine Antworten will ich dir natürlich nicht vorenthalten:

Was zeichnet introvertierte Menschen aus? Ist Introvertiertheit gleich Schüchtern?

Hier ist eine kurze aber prägnante Beschreibung davon, was einen Introvertierten auszeichnet:

“Ich mag keinen Small Talk. Ich bin mir selbst genug. Stille ist so wunderbar. Ich will nicht immer reden. Unter Menschen bin ich schnell erschöpft und überreizt. Ich denke viel über mich und die Welt nach. An fremde Menschen und Umgebungen muss ich mich erst gewöhnen. Ich beobachte erst und halte mich lieber im Hintergrund. Lasst mich doch alle in Ruhe, wenn ich in eine Sache vertieft bin!”

Das ist Auszug aus dem Vorwort zu meinem 2014 erschienen Buch “Leise überzeugen: Mehr Präsenz für Introvertierte”.

Introversion ist genau wie Extraversion angeboren. Dabei geht es darum, wie unterschiedlich Informationen im Gehirn verarbeitet werden, welche Nervenbahnen zuständig sind und welche Botenstoffe ausgeschüttet werden. Und in diesem Zusammenhang gibt es unterschiedliche Arten der Energiegewinnung.

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal, in dem sich das alles widerspiegelt und das man auch leicht bei sich selbst und anderen nachvollziehen kann:

Introvertierte Menschen gewinnen ihre Energie durch das Alleinsein und verbrauchen ihre Energie, wenn Sie unter Menschen sind. Das bedeutet

  • Sie gehen also ungern auf Parties, treffen sich lieber mit ein Paar Freunden in privater Atmosphäre.
  • Sie brauchen viel Zeit für sich.
  • Sie sind am leistungsfähigsten und kreativsten, wenn sie allein arbeiten und nicht in Gruppen.
  • Wenn sie viel unter Menschen waren, müssen sie sich unbedingt allein erholen. Sonst fühlen sie sich völlig ausgelaugt und reagieren gereizt.

Bei den Extravertierten ist es andersherum, Sie gewinnen Energie durch Kontakt zu anderen und verlieren, wenn sie allein sind.

Schüchternheit ist eine Eigenschaft, die vorwiegend im Laufe des Lebens angeeignet wird. Schüchterne Menschen haben Angst vor Kontakt zu anderen Menschen, sind dadurch verlegen und gehemmt.

Natürlich können Introvertierte auch schüchtern sein, aber auch genauso Extravertierte.

Da Introvertierte nicht ständig nach Kontakt zu anderen suchen, weil sie sich meist nun mal selbst genug sind und sich auch nie allein langweilen, unterstellt man ihnen oft, schüchtern zu sein. Doch ein Schüchterner will ja Kontakt zu anderen, hat aber Angst davor. Ein Introvertierter will einfach oft den Kontakt nicht. Weil ihn das anstrengt. Das sind komplett unterschiedliche Dinge.

Nicht dass wir uns missverstehen. Auch wir, Introvertierte, mögen andere Menschen und gehen gern mit ihnen in Kontakt. Aber eben dosiert und nicht immer und ewig, wie das bei Extravertierten der Fall ist.

Bist du zufällig auch introvertiert?

Warum ist Networking für Introvertierte so anstrengend?

Stellen wir uns mal eine klassische Networking-Situation vor: Eine Person geht zu einer Veranstaltung, auf der sie auf viele unbekannte Menschen trifft. Ziel ist es, möglichst viele neue Menschen innerhalb der kurzen Zeit kennenzulernen.

Ich bin da ganz ehrlich: Eine Horror-Vorstellung für jeden Introvertierten. 😉

Die wichtigsten Gründe:

  1. Small Talk

    Da introvertierte Menschen sehr viel nachdenken, ist ihnen jede Form der Oberflächlichkeit zuwider. Und als nichts anderes erleben sie Small Talk: Es geht um nichts anderes, als um Austausch von Belanglosigkeiten.

  2. Sinn

    Wozu diese ganzen Menschen kennenlernen? Introvertierte lieben tiefe Begegnungen, intensive Gespräche. Sie pflegen meist nur wenige, dafür tiefgehende Beziehungen. Wozu also anhäufen von Menschenmengen und Kontakten, die man eh nicht richtig pflegen kann und will? Außerdem weiß man doch gar nicht, ob die Person zu einem passt.

  3. Überreizung

    Jeder Introvertierte weiß, dass er innerhalb der kürzesten Zeit in einem Raum voller Menschen, wo Geräuschpegel hoch ist, sich völlig ausgelaugt und sich der Situation nicht gewachsen fühlt. Und dann muss er auch noch auf möglichst viele Menschen zugehen, obwohl er am liebsten flüchten würde. Das macht einfach keinen Spaß auf Dauer, sondern kostet nur Kraft!

Gibt es Strategien, damit das Netzwerken leichter fällt?

Um die Sache leichter zu gestalten, ist eine wirklich gute Vorbereitung wichtig. Ja, genau: Vorbereitung. Was für einen Extravertierten einfach Spaß, Freunde und „Ich lasse es auf mich zukommen“-Geschichte ist, ist für einen Introvertierten schlicht und ergreifend Arbeit.

Sehr wichtig ist es, die 3 von mir im letzten Punkt beschriebenen Gründe, weswegen das Netzwerken für eine introvertierte Person so anstrengend ist, aufzulösen bzw. aufzuweichen.

  1. Small Talk

    Unsere Vorstellung davon ist, dass wir uns ständig irgendwelche Floskeln abringen müssen. Und dass diese Floskeln irgendeinem Anspruch genügen müssen. Das stresst.

    Dabei ist das Quatsch. Es reicht vollkommen, auf eine Person mit direktem und freundlichem Blickkontakt zuzugehen und „Hallo“ zu sagen. Schon fängt der andere an zu reden. Da reicht es, zu bestätigen, zu nicken, „Hmm…“ zu sagen. Und schon läuft das Gespräch an.

    Oder, wenn das Gespräch stockt, stellt man nur Fragen. Der andere wird schon antworten. Und stellt vielleicht mal eine Gegenfrage, die man dann einfach beantwortet. Wenn man die andere Person aufmerksam und freundlich anschaut und daran interessiert ist, was sie sagt, dann macht so ein Gespräch Spaß. Weil er kaum Anstrengung bedeutet.

    Die Voraussetzungen sind, dass man da selbst den Druck rausnimmt, etwas Bestimmtes sagen oder irgendwelchen Small Talk-Ratgebern genüge tun zu müssen und das so gestalten, wie es für einen selbst am einfachsten ist. Und da ist Zuhören oder eine Frage stellen nun mal viel leichter, als selbst etwas zu „dichten“. Wichtig ist natürlich, dass man Interesse für die andere Person und für das, was sie sagt, aufbringt. Und dann entwickelt sich das Gespräch so, dass man sich selbst auch gern beteiligt.

    Wenn die Person nicht spannend genug ist, so dass man merkt, man langweilt sich und driftet ab, dann sich lieber höflich verabschieden und weiter gehen, um die Zeit mit jemanden zu verbringen, der interessanter ist. Man muss nämlich gar nichts.

  1. Sinn

    Das ist ein unglaublich wichtiges Thema. Denn wenn ein Introvertierter zum Netzwerken geht, nur weil er auch mal musst, weil alle das machen, oder irgendeiner gesagt hat, das wäre wichtig, dann wird es eh nichts. Also beantworte immer vorher die Frage: WARUM und WOZU? Denn nur Menschen kennenlernen ist kein wirklich gewichtiger Grund. Das habe ich ja schon oben gesagt.

    Da Introvertierte oft keinen natürlichen Drang haben, immer wieder neue Menschen kennenzulernen, ist es um so wichtiger, wenn man zum Netzwerken geht, sich vorher ganz klar vor Augen zu führen, was die eigene Motivation ist. Und dabei ganz ehrlich mit sich sein.

    Ich z.B. gehe grundsätzlich nur zu Veranstaltungen, deren Themen mich wirklich interessieren. So ist es für mich völlig ok, wenn ich auch gar keinen Menschen kennenlerne (was so gut wie nie vorkommt). Denn dann habe ich für mich die Zeit gut genutzt. Wenn ich also auch an dieser Stelle Druck herausnehme, dann habe ich viel mehr davon. Und offensichtlich strahle ich dann so viel Ruhe aus, dass mir dann immer irgendein spannender Mensch begegnet.

  1. Überreizung

    Hier ist es total wichtig, dass man lernt, gut für sich zu sorgen. Das fängt schon vor der Veranstaltung an, man sollte gut ausgeruht und in guter Stimmung hin gehen. Kein Gehetze, keine Pflichtveranstaltung. Dann lieber ganz sein lassen.

    Das bedeutet aber nicht, dass man sich selbst jedesmal vor so einer Veranstaltung Kopfschmerzen einredet. So viel Selbstverantwortung und Selbstdisziplin traue ich dir natürlich zu. 😉

    Was sehr gut ist, ist sich im Vorwege mit anderen Menschen zu verabreden. Dann muss man keine Energie verschwenden bei der Suche nach einem Gesprächspartner, sondern hat gleich jemanden, der ein wichtiger Ankerpunkt ist.

    Auch sich klare Ziele vornehmen, kann viel Energie sparen. Ich z.B. nehme mir vor, eine Person kennenzulernen. Wenn mir das gelungen ist, habe ich mein Ziel erreicht und kann dann in Ruhe schauen, ob ich noch Lust habe zu bleiben oder ob ich lieber gehen will.Überhaupt, sich wirklich kleine Ziele vorzunehmen, statt sich zu überfordern und sich zu erlauben, jederzeit das Lokal zu verlassen, wenn man nicht mehr will, ist total wichtige mentale Unterstützung.

    Letztlich geht es beim Netzwerken darum, ein Terrain zu erobern, das kein natürlicher Lebensraum einer introvertierten Person ist – das sollte man nie vergessen. Und da ist nichts mit „Viel hilft Viel“, sondern das Gegenteil ist der Fall: Kleine Schritte, aber dafür mit Freude.

Stichwort Online: Hält das Web Chancen für Introvertierte bereit, die sie offline aufgrund ihrer Persönlichkeit so nicht nutzen können?

Online-Welt ist unser Paradies!

Ich liebe es, Menschen, die ich in Social Media kennenlerne, in Echt zu begegnen. Weil das Vorgeplänkel (also Small Talk) komplett weg fällt. Ich weiß, wen ich treffe, was mir viel Aufregung nimmt. Außerdem treffe ich mich ja nur mit Menschen, die mir total sympathisch sind. Das ist toll, weil da so vieles schon im Vorwege aussortiert und erledigt wird, so dass das Treffen selbst dann kaum Kraft kostet, sondern im besten Falle sogar welche gibt.

Ich kann es jedem Introvertierten nur raten, diesen Weg zu wählen. Der macht soooo Vieles leichter.

Und jetzt bist du gefragt

  • Was sind deine Netzwerk-Erlebnisse?
  • Welche Schwierigkeiten hast du erlebt?
  • Welche Erfolgsmethoden möchtest du hier teilen?

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

 

PS: Und hier ist der Link zum Artikel von Karriere.at auf der Basis meiner Antworten: „Networking-Tipps für Introvertierte: Keine Angst vor dem Small Talk“

 

Bild: geralt – pixabay.com

3 Kommentare

  • […] Natalie Schnack fragt introvertierte Selbstständige nach ihren Tipps für gutes Netzwerken. Da ich selbst eine halbe Introvertierte bin, gebe ich dazu gerne meinen Senf ab: Beim Netzwerken hilft es mir als „fifty-fifty-Extro-Introvertierte“ mich in kleinen und feinen Netzwerken zu engagieren. Das bedeutet, sich vorher genau zu informieren, […]
  • Hallo Natalie,

    beim Netzwerken hilft es mir als "fifty-fifty-Extro-Introvertierte" mich in kleinen und feinen Netzwerken zu engagieren. Das heißt, sich vorher genau zu informieren,
    - welche gibt es in der Region und könnten zu mir passen?
    - diese besuchen, um zu merken: passen die Netzwerker und das, was sie evtl. bewirken wollen, fühle ich mich dort gut aufgehoben?
    - und dann im 3. Schritt genau diese Netzwerke langfristig, regelmäßig mit meinem aktiven Dabeisein zu beehren. Denn nur, wenn man öfter wohin geht, sich austauscht, bekannt macht, entstehen echte Beziehungen.

    Eins dieser Netzwerke für das ich mich entschieden habe, wächst gerade total. Glücklicherweise kenne ich schon einige andere ganz gut, Kooperationen bilden sich, Kunden entstanden, und ich fühle mich dort auch in größer gewordener Runde sauwohl :-) Weil man mich schon ein wenig kennt und einschätzen kann, das gibt zusätzlich ein Gefühl der Sicherheit.

    Grüße
    Silke
  • Liebe Silke,

    vielen Dank für deine Erfahrungen, die du mit uns teilst! Ja, du hast total Recht. Klein anfangen und da bleiben, wo man sich wohl fühlt. Nur auf Dauer können intensive Kontakte und Beziehungen in Netzwerken entstehen.

    Ich bin sogar noch weitere gegangen und habe selbst ein Netzwerk hier vor Ort ins Leben gerufen: Frauen im Business http://frauenimbusiness.de/
    Das macht total und auf unseren Veranstaltungen ist es so organisiert, dass keine Frau lose im Raume rumstehen muss, sondern immer einen Anlaufpunkt und Ansprechpartner hat. Das kommt sehr gut an.

    Herzliche Grüße
    Natalie

Was denkst du?

Hallo, ich bin Natalie :-)

Businessmentorin für introvertierte Unternehmer, Online-Unternehmerin und Buchautorin.

Seit 2009 habe ich Hunderte Selbständige beim Businessaufbau unterstützt. Seit 2015 arbeite ich online und ortsunabhängig und pendele zwischen Nord-Deutschland und Lanzarote.

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© 2009-2018 Natalie Schnack