„Status-Differenz“-Wolke als Gegenteil von Augenhöhe

„Status-Differenz“-Wolke als Gegenteil von Augenhöhe

Status-differenz

Ein Kunde von mir, nennen wir ihn Herr A., bewirbt sich bei einem renommierten deutschen Automobilhersteller. Die Bewerbung in Form einer selbsterklärenden Selbstpräsentation, die wir gemeinsam erarbeitet haben, kommt gut an und er wird zum Bewerbungsgespräch eingeladen. In der Vorbereitung darauf arbeiten wir vor allem an seiner Selbstpräsentation, die die Form eines Mini-Konzeptes hat. Wir feilen so lange daran, bis diese Präsentation kurz & knapp, aussagekräftig und in sich rund ist – richtig gut also.
Auch auf die möglichen Fragen der Personalerin, die neben dem Fachverantwortlichen bei dem Bewerbungsgespräch dabei sein soll, sprechen wir durch. Denn manchmal neigt mein Kunde dazu, zu sehr in die Details (vor allem technische) zu gehen und verpasst manchmal den wesentlichen Punkt, um den es bei solchen Fragen geht. Er kennt es von sich, deswegen hat er sich auch meine intensive Unterstützung geholt.

Und dann kam die Panik

Herr A. ist also nach wochenlanger Vorbereitung bestens gerüstet für das Vorstellungsgespräch. Eigentlich. Aber dann kommt diese riesige Wolke über ihn und er ist völlig am Boden zerstört: Was ist, wenn die Personalerin ihm eine Frage stellt, auf die er sich nicht vorbereitet habe? Er wisse es von früheren Erfahrungen, dass er dann einen Blackout bekommen würde. Panik und pure Verzweiflung!

Es dauert eine Weile, bis wir uns zum Kern vorgearbeitet haben, was hier wirklich Sache ist. Es ist nämlich nicht so, dass Herr A. Angst vor fachlichen Fragen hat, sondern vor den typischen Personaler-Fragen, so etwas wie: „Warum sollen wir ausgerechnet für Sie entscheiden?“. Und das obwohl wir solche Fragen und Antworten darauf in rauen Mengen durchgearbeitet haben.

Was ich von außen sehe

In der wochenlanger Zusammenarbeit habe ich nicht einmal Herrn A. um eine Antwort verlegen erlebt – egal, welche Fragen ich gestellt hatte. Er liebt seine Arbeit und das merkt man seinen Berichten über die wichtigsten Projekte ganz klar an. Und auf den neuen Job passt er wie der Deckel auf einen Topf. Es gibt also nicht den geringsten rationalen Grund, Panik zu schieben, ganz im Gegenteil!

Die Status-Differenz

In den Cochings begegnet sie mir immer wieder: Die Status-Differenz, die wie eine bedrohliche dunkle Wolke über meinem Coachee schwebt. Was ich damit meine?

Viele Bewerber erleben sich als weniger wert und überhaupt nicht auf einer Augenhöhe mit den Entscheidern auf der anderen Seite des Tisches. Sie kommen sich klein mit Hut und unbedeutend vor. Das ist natürlich nicht verwunderlich, denn man wird auch oft genug in solchen Gesprächen als Bittsteller behandelt. Doch bedeutet das, dass man diese Abqualifizierung zu akzeptieren hat?

Nein, bitte nicht! Natürlich ist der andere in solchen Gesprächen am längeren Hebel und und ist allein schon hierarchisch dem Bewerber höher gestellt. Aber als Mensch? Ist ein Bewerber weniger Wert als ein Personaler oder Fachbereichsleiter?

Augenhöhe ist entscheidend

Ganz und gar nicht! Im Bewerbungsverfahren treffen sich Angebot und Nachfrage: Das Unternehmen braucht und sucht einen passenden Mitarbeiter; Bewerber braucht und sucht einen zu ihm passenden Job. Er bettelt nicht, sondern bietet seine Leistung, seine Qualitäten und seine Erfahrungen dem Unternehmen gegen Entgelt an. Da steht jedem Bewerber der entsprechende Respekt zu, ohne wenn und aber.

Wenn der Bewerber aber selbst mit der inneren Einstellung der eigenen „Minderwertigkeit“ an die Sache rangeht, was soll dabei bitte herauskommen? Wir Menschen sind soziale Wesen und lesen unsere Mitmenschen ganz genau. Daher wissen wir meist, bei wem wir uns was erlauben können. Wenn jemand also als ein Häufchen Elend zum Bewerbungsgespräch kommt, dann behandeln wir ihn auch entsprechend: das kann von Mitleid bis zur Verachtung reichen, je nach dem, wie man die Schwäche bei anderen erlebt. Und kein Personaler stellt jemanden aus Mitleid oder Verachtung an. Warum auch. Schließlich ist das Unternehmen weder ein Ponyhof, noch Kindergeburtstag.

Jetzt heißt es natürlich nicht im Umkehrschluss, dass man auf „dicke Hose“ in Bewerbungsgesprächen machen sollte. Das wäre das andere Extrem. Und ist vielleicht ganz amüsant, aber wenig zielführend.

Ich bin für die Augenhöhe! Und diese zeigt sich in der folgenden inneren Haltung:

„Du bist wichtig an deiner Stelle und ich bin wichtig an meiner Stelle. Wir sind beide wichtig hier und jetzt. Ich bin ein wertvoller Mensch und du bist ein wertvoller Mensch. Und das ist auch gut so ;-)“.

Deswegen halte ich die Arbeit an der inneren Einstellung zu sich selbst für einen sehr wichtigen Teil bei der Vorbereitung auf Bewerbungssituationen, egal ob als Bewerber um eine Stelle im Unternehmen oder als Selbstständiger um einen Auftrag in der Kundenakquise.

Und wie sehen Sie die Sache?

2 Kommentare

  • Hallo Frau Schnack,

    ein schöner Bericht aus der Praxis. Manchmal ist die Augenhöhe ein gemeinsamer Balanceakt - das macht es doch so spannend, oder?

    "Ich bin ok, Du bist ok"

    Lg
    Patrick Koglin
  • Hallo Herr Koglin,

    vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihr Feedback!
    Klar, es ist wie mit jeder positiven inneren Haltung immer ein Balanceakt, deswegen beschreibe ich den Augenhöhe-Status auch als Status-Wippe (in meinem Buch "30 Minuten Selbstbehauptung"). Darüber sollte ich mal bloggen - vielen Dank für diesen Impuls!

    Und "Ich bin wichtig/wertvoll und du bist wichtig/wertvoll" finde ich noch positiv stärker, als "Ich bin ok, du bist ok" :-)

    Herzliche Grüße
    Natalie Schnack

Was denkst du?

Hallo, ich bin Natalie :-)

Businessmentorin für introvertierte Unternehmer, Online-Unternehmerin und Buchautorin.

Seit 2009 habe ich Hunderte Selbständige beim Businessaufbau unterstützt. Seit 2015 arbeite ich online und ortsunabhängig und pendele zwischen Nord-Deutschland und Lanzarote.

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